Wenn der Gang zur Schule lebensgefährlich wird

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Kathrin Wieland ist Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland. Auf diesem Blog erzählt sie regelmäßig von ihrer Arbeit und der Arbeit ihrer Kollegen in Krisenregionen weltweit.

Heute Morgen war es mal wieder schwierig, meinen Sohn zum Aufstehen zu bewegen. Keine Lust auf Schule, lieber ausschlafen, „blöde Schule, stress‘ mich nicht!“. Ich musste schmunzeln, denn ich erinnere mich noch gut: So eine Mathe-Arbeit kann einem auch echt die Laune verderben. Trotzdem konnte ich ihn auch heute davon überzeugen, zur Schule zu gehen. Und dann komme ich ins Büro und lese „Was ich am meisten vermisse, ist die Schule.“

Das war keine SMS meines Sohnes, sondern der Satz eines 11-jährigen Mädchens in einem unserer Child Friendly Spaces in Syrien. Es sind diese parallelen Welten, zwischen denen ich tagtäglich hin- und her schalte.Einschusslöcher einer Schule im Norden Syriens, die von Kampfeinheiten besetzt worden war

Lernen in Zeiten des Krieges

Hierzulande erleben Schüler die Schule oft als lästig, aber sie ist auch ein Ort, wo sie ihre Freunde treffen und wo sie geborgen sind. In Syrien kann der Gang zur Schule tödlich enden. Der 15-jährige Marwan lebt wieder in seinem Dorf, das monatelang besetzt gehalten wurde. Seine Schule diente den Kämpfern als Unterkunft. Als Marwan und einige der anderen Kinder allmählich in die Schule zurückkehrten, waren sie entsetzt vom Ausmaß der Zerstörung: „Fenster, Schulbänke, sogar die Wände sind kaputt. Überall sind Einschlusslöcher, durch die der Wind pfeift“, erzählt Marwan. Die Löcher vergegenwärtigen ihnen außerdem, dass die Kämpfer jederzeit zurückkommen könnten.

Marwan, 15 Jahre altAuch Einrichtungen von Save the Children wurden attackiert

In den vergangenen eineinhalb Jahren wurden Einrichtungen, die Save the Children unterstützt, mindestens 22 Mal bombardiert oder beschossen. Ein Drittel aller Schulen des Landes sind zerstört, beschädigt, zu militärischen Zwecken missbraucht worden oder beherbergen ausgebombte Familien. Trotzdem tun meine Kollegen vor Ort alles dafür, mit den mutigen Lehrern, die noch da sind, den Kindern so gut wie möglich zu helfen, weiter zu lernen.

Fast 3 Mio. syrische Kinder können nicht zur Schule gehen. Syrien gehört nach dem nun vier Jahren andauernden Bürgerkrieg zu den Ländern mit der niedrigsten Alphabetisierungsquote. Vorher lag sie noch bei 95%. Und nur ungefähr die Hälfte aller geflüchteten Kinder genießt irgendeine Form von schulischer Bildung.

Ohne Bildung haben Kinder keine Zukunft – und Länder auch nicht

Gerade in Krisenzeiten aber kann regelmäßiger Schulbesuch vor Missbrauch durch Kinderarbeit oder vor Frühverheiratung schützen oder davor, als Kindersoldaten rekrutiert zu werden. Abgesehen davon, dass Kinder, die nicht lesen und schreiben lernen, in eine Armutsspirale geraten und auch den Staat teuer zu stehen kommen. Wir von Save the Children arbeiten schon lange vor Ort und wissen, dass es möglich ist, auch die Kinder in hart umkämpften Gebieten an Bildung teilhaben zu lassen. Unterricht in einer syrischen Schule im Januar 2015Es braucht vor allem Geld für die Ausbildung von Lehrern und die Bereitstellung von Schul- und Unterrichtsmaterialien. Außerdem sollte jeglicher Missbrauch von Bildungseinrichtungen in kriegerischen Zeiten mit Hilfe eines international anerkannten Regelwerks geächtet werden. Denn wann immer dieser Krieg endlich vorbei ist: Es sind die jungen Menschen, die das Land wieder aufbauen. Dazu braucht Syrien nicht nur Bauarbeiter, sondern viele Fachleute wie auch Mediziner, Juristen, Ingenieure, Lehrer. Wem es aber bereits an grundlegender Schulbildung fehlt, der kann solche Berufe erst recht nicht erlernen. Bildung ist eben nicht umsonst ein weltweit anerkanntes Kinderrecht. Es wird Zeit, dass wir dem entsprechen.

 

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