Ayman – den der Krieg verstummen ließ – spricht wieder

Ayman mit seinem liebsten Spielzeug – seinem Ball

 

Der 5-jährige Ayman* kennt nichts anderes als den Krieg in Syrien. Einen Krieg, der den Jungen mit den rabenschwarzen Haaren zum Verstummen brachte. In einem Kindergarten von Save the Children im Flüchtlingscamp Za’atari begann er wieder zu sprechen.

Ein Kind des Krieges

Ayman wurde 2011, als der Konflikt in Syrien begann, in einem Militärkrankenhaus geboren. In normalen Zeiten werden Babies in den Schlaf gesungen, doch dies waren keine normalen Zeiten. Aymans Mutter Rana* erzählt, wie Ayman als Neugeborener schonungslos von den Kriegsgeräuschen aus dem Schlaf gerissen wurde. Sie erinnert sich, dass sich Ayman – obwohl er noch so jung war – durch die Erfahrungen des Kriegs mehr veränderte als seine zwei Jahre älteren Zwillingsbrüder.

Ayman und seine Brüder „Ayman konnte wegen der Luftangriffe und des Lärms nicht schlafen“, sagt seine Mutter. „Wir alle hatten Angst und konnten nicht schlafen. Ayman schrie die ganze Nacht.“ Hinzu kam, dass Rana Ayman im Gegensatz zu ihren anderen beiden Söhnen nicht stillen konnte. Denn aufgrund der Lebensmittelknappheit in ihrer Heimatstadt gab es nicht genug zu essen und sie produzierte zu wenig Muttermilch.

Als der Krieg sein zweites Jahr erreichte, feierte auch Ayman seinen zweiten Geburtstag. Sein Vater, der sich um die Sicherheit seiner Söhne sorgte, ließ Ayman und seine Brüder nur im Haus spielen. Dennoch wollte er, dass seine Söhne eine Kindheit haben. Und so zeigte er Ayman, wie man seinen Lieblingssport Fußball drinnen spielt – auf gefliestem Boden statt auf Gras und mit Wänden anstatt eines Spielfeldes.

Ayman bleibt stumm

Aber das Leben im Krieg forderte von dem Jungen einen verheerenderen Tribut:  Ayman fing nicht an zu sprechen. Seine Eltern glauben, dass es an dem liegt, was er in ihrer besetzten Stadt sehen und hören musste: bewaffnete Männer, die Türen eintreten, tote Körper auf den Straßen und das Heulen von Sirenen.

„Das Sprechen fiel ihm schwer und er begann zu stottern“, erzählt seine Mutter. „Ich wollte nur, dass er ‚Mama‘ oder ‚Baba‘ sagt, die einfachsten Wörter.“

Plötzlich Flüchtlinge

Der Krieg ging weiter. Im dritten Jahr flohen Ayman und seine Familie über die jordanische Grenze. Im Flüchtlingscamp Za’atari trafen sie auf zehntausende andere syrische Familien. Ihr Zuhause war nun ein Zelt in einer ausufernden Stadt, in der es Strom nur zwischen 16 und 3 Uhr gibt und wo im Winter das Regenwasser in die provisorischen Behausungen läuft. Der Übergang in ein Leben als Flüchtlingsfamilie viel ihnen nicht leicht.

„Als wir im Camp ankamen, konnten wir uns nicht daran gewöhnen. Es fiel uns schwer, uns an die neue Umgebung zu gewöhnen, vor allem daran, in einem Zelt zu leben. Ich wachte weinend auf. Ich konnte nicht schlafen. Ich war deprimiert, vor allem wenn ich daran dachte, dass Ayman nicht sprechen kann“, berichtet Rana auf einem Spielplatz im Za’atari Camp zu Beginn dieses Monats.

Obwohl Ayman die schrecklichen Bilder und Geräusche des Krieges hinter sich gelassen hatte, blieb er stumm.

Hoffnung im Kindergarten

Das änderte sich, als Aymans Eltern ihn in einem von Save the Children betreuten Kindergarten (Little Hands) im Camp anmeldeten, den er seitdem dreimal pro Woche besucht. Insgesamt betreibt Save the Children drei solche Kindergärten in Za’atari. Die Kindergärten helfen Kindern wie Ayman durch Aktivitäten wie Spielen, Lesen, Schreiben und dem Lösen von leichten Matheaufgaben dabei, sich auf einen Schulbesuch vorzubereiten. Für Kinder, die den Krieg erlebt haben, bietet er darüber hinaus eine dringend benötigte Struktur, feste Routinen und einen sicheren Ort, an dem sie wieder Kind sein können. Insgesamt nehmen jede Woche 2.200 Kinder im Alter zwischen drei und fünf Jahren an den Aktivitäten teil.

Eine neue Bezugsperson

Aymans Kindergärtnerin SafayyehDie Unterstützung, die Ayman brauchte, bekam er von einer einfühlsamen Kindergärtnerin namens Safayyeh. Safayyeh ist eine Jordanierin, die leidenschaftlich gern unterrichtet. Sie kann selbst keine Kinder bekommen und ihre Kinderliebe ist offensichtlich. Sie pendelt jeden Tag zur Arbeit und besucht ihre Schüler sogar an ihren freien Tagen. Safayyeh erkannte sofort, welchen Einfluss der Krieg auf Ayman hatte.

„Er war sehr aggressiv“, erinnert Safayyeh sich an Aymans erste Tage im Kindergarten. „Aber seitdem er in den Kindergarten geht, hat sich seine aggressive Einstellung zu einer positiven Hyperaktivität entwickelt. Er wurde im Unterricht sehr aktiv und begann zu sprechen.“

Die Mitarbeiter des Kindergartens gaben Aymans Eltern täglich Updates über dessen Fortschritte in der Schule und zeigten ihnen, wie sie das, was er im Kindergarten lernt auch zu Hause umsetzen können.

Ayman macht Fortschritte

Auf dem Spielplatz vor dem Klassenzimmer, wo es Schaukeln und Rutschen gibt, hat Ayman nun einen Platz, auf dem er spielen und Spaß haben kann. Spielen ist für die kindliche Entwicklung wichtig. Kinder lernen dabei unter anderem wie man zählt, Probleme löst und mit anderen Menschen umgeht.

Nach zwei Wochen in der Schule zeigte Ayman sprachliche Fortschritte. „Er ist nun mehr bereit dazu, mit anderen Jungs zu spielen – allerdings nicht mit den Mädchen“, erzähl seine Mutter, und lacht.

Spielen wie ein ganz normales Kind

Jetzt spielt Ayman an schulfreien Tagen den ganzen Tag lang mit seinen Brüdern, den Nachbarn oder anderen Jungen Fußball. Vorher sieht er sich seine liebste Zeichentricksendung Captain Majid  an. Darin geht es – natürlich – um einen Jungen der Fußball spielt. Außerdem zeigt er seinem dreijährigen Bruder, was er im Kindergarten lernt.

Ayman, den der Krieg verstummen ließ, ist nicht länger stumm.

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*  Name zum Schutz geändert

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