Ein Armutszeugnis für Europa

Susanna Krüger im Gespräch mit Afsoon* (14), die aus Afghanistan fliehen mussteIm Mai besuchte Susanna Krüger, Geschäftsführerin von Save the Children in Deutschland, unsere Projekte für Kinderflüchtlinge und ihre Familien in Griechenland.

Was mich wirklich in Griechenland erwartete, darauf war ich nicht vorbereit. Die Lebenssituation für die Kinder und ihre Familien mit eigenen Augen zu sehen, war einfach nur erschütternd. Selbst als ich in Somalia war, habe ich so etwas nicht erlebt: Hunderte von Menschen, die in selbst gebauten Unterkünften aus Zeltplanen und Plastik hausen, andere leben Matte neben Matte in riesigen Zelten – alles ohne humanitäre Mindeststandards. Vielfach ohne ausreichende Wasserversorgung, ohne eine ausreichende Essensverteilung. Solche Zustände in Europa zu sehen, hat mich schockiert und ist eine Schande für die EU. Unsere Kollegen versuchen zu helfen, wo es geht und sind mit vollem Engagement im Einsatz. Aber ihnen sind oft Grenzen gesetzt.

Ein Armutszeugnis für Europa
Ganz zu Beginn hofften alle, dass ein Einsatz in Europa einfacher sei als in anderen Krisen- und Konfliktgebieten. Aber das Gegenteil war und ist der Fall. Oft geschuldet einer unzureichenden Koordinierung, zu wenige Kapazitäten auf Regierungsseite und zu wenigen Unterbringungsmöglichkeiten. Alle europäischen Staaten haben die Internationale Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Vor Ort ist oft wenig davon zu spüren. Ohne die Arbeit von Save the Children und vielen anderen Organisationen wären die Kinder und ihre Familien häufig ganz auf sich gestellt. Wir dürfen die Menschen nicht allein lassen – nicht in den Herkunfts-, Transit- und Aufnahmeländern. Das muss unser Anliegen sein -  jetzt und in Zukunft. Es liegt in unserer Verantwortung.

Kinder brauchen Zukunft
Besonders berührt hat mich das Gespräch mit der 14-jährigen Afsoon. Gemeinsam mit ihrer Familie ist sie aus Afghanistan geflohen und hat Dinge erlebt, die kein Kind je erleben sollte. Bedroht von Schleppern und ohne schwimmen zu können, ist die Familie auf der gefährlichen Route über das Meer nach Griechenland gekommen. Sie brach in Tränen aus, als ich sie fragte, was ihr größter Wunsch sei: „Ich möchte nur eine Zukunft. In Afghanistan bin ich sehr gerne zur Schule gegangen. Die Naturwissenschaften waren meine Lieblingsfächer. Die Taliban haben uns Mädchen dann verboten zur Schule zu gehen.“ Jetzt erhält sie durch andere Flüchtlinge immerhin für einige Stunden in der Woche Englischunterricht.

Eingeschlossen ohne Perspektive
„In Griechenland ist die Grenze geschlossen und wir können nicht weiter. Die Menschen sind so traurig und ich bin so traurig, wenn ich all die Kinder sehe. Wir sind sicher – aber wir können nichts tun“, beschreibt sie mir im Gespräch ihre Situation. Sie ist kein Einzelfall. Mehr als 50.000 Menschen stecken zurzeit in Griechenland fest. In vielen Gesprächen schilderten sie mir ihre Situation als hoffnungs- und aussichtslos. Ein Vater, der Lehrer in Syrien war, sprach offen über seine Perspektive: „Was soll ich in einem Land, in dem ich keine Aussicht auf Arbeit habe? Nur wenn ich arbeite, kann ich meiner Familie eine Zukunft geben. Wie soll das hier in Griechenland möglich sein?“

Ich weiß seit dieser Reise einmal mehr, wofür wir hier bei Save the Children arbeiten!

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