Jetzt erst Recht! Geflüchtete Kinder brauchen unsere volle Unterstützung!

Naram (8) floh mit ihrer Familie aus Aleppo.

Nach den schrecklichen Ereignissen in Würzburg, Reutlingen und Ansbach scheint es, als hätten Amok und Terror nun mit einiger Verspätung Deutschland erreicht. Dass alle drei Verbrechen anscheinend von psychisch kranken Menschen begangen wurden, hilft kaum noch gegen die aufkommende Angst vor den Geflüchteten, die letztes Jahr in so großer Zahl zu uns kamen.

Entsprechend wird sich die Stimmung gegen sie wahrscheinlich weiter aufheizen, die Hilfsbereitschaft ihnen gegenüber dafür abnehmen. Und diejenigen, die seit Jahren geistige und tatsächliche Anschläge gegen Unterkünfte und ihre Bewohner verüben, werden sich so bestätigt fühlen wie diejenigen, die das schweigend toleriert haben. Ja, es gibt unter den eine Million geflüchteten Menschen in Deutschland psychisch Kranke, ideologisch verirrte und Kriminelle – genauso wie unter der Gesamtbevölkerung. Und ja, terroristische Gruppen sprechen junge Männer und selbst Kinder in Deutschland gezielt an, um sie zu radikalisieren und für ihre perversen Zwecke zu missbrauchen.

Mohamad und seine Familie vor dem LaGeSo in BerlinGemeinsam gegen ein Klima der Angst

Und doch müssen wir gerade jetzt gemeinsam sichtbar dem Klima der Angst entgegentreten. Wir dürfen den Mut nicht verlieren, mit dem wir die schutzsuchenden Menschen bei uns willkommen geheißen haben. Weil wir von Save the Children aus unseren täglichen Begegnungen mit unzähligen Flüchtlingen wissen, dass die meisten von ihnen derartigen Taten mit demselben Entsetzen begegnen wie wir das tun. Sie kennen die Angst, die uns jetzt beschleicht, nur zu gut: Sie sind geflohen vor der Angst vor Krieg, vor Terror, vor Verfolgung – und vor Anschlägen. Wer von uns würde das nicht tun wollen, wenn fast täglich vor unserer Haustür Menschen durch Bomben in Stücke gerissen werden?

Wir müssen diffenrenzieren

Heute fürchten die Geflüchteten, in denselben Topf geworfen zu werden wie die Schergen einer verbrämten islamistischen Ideologie. Doch eine aufgeklärte, zivilisierte Gesellschaft ist in der Lage, zu differenzieren. Mehr noch: es ist ihre Aufgabe. Nicht zuletzt haben die Errungenschaft der aufgeklärten Gesellschaft und die Ideale des Humanismus dazu geführt, dass wir uns rechtlich dazu verpflichtet haben, schutzsuchenden Menschen Asyl zu gewähren. Aus guten historischen Gründen und weil es richtig ist.

Kinder leiden am meisten unter Pauschalisierung und Ausgrenzung

Als Kämpfer für Kinderrechte wissen wir, dass diejenigen, die am schnellsten und stärksten unter Pauschalierung, Ausgrenzung und Fremdenangst leiden, immer die Kinder sind. Aber es kann nicht nur uns Mitarbeiter einer Kinderrechtsorganisation, sondern darf uns auch als Gesellschaft nicht kalt lassen, dass in Deutschland eine halbe Millionen geflüchtete Kinder sind, die unseren Beistand brauchen. Wenn die Sorge um und die Unterstützung für sie jetzt nachlässt, wird das verheerende Folgen für diese Kinder haben. Und es wird das Potenzial, das sie mit sich bringen in der Bereitschaft, es in unsere Gesellschaft einzubringen, im Keim ersticken. Deshalb müssen wir gerade jetzt alles dafür tun, ihnen den Weg in unsere Gesellschaft zu ebnen, unabhängig davon, ob sie bei uns bleiben oder bald wieder gehen und unsere Werte, die sie bei uns gelebt haben, mit nach Hause nehmen.

Kinder brauchen Schutz

Samar (8) aus Homs, Syrien.Wenn wir sie zu unseren Verbündeten machen möchten, dann müssen wir sie noch viel besser schützen. Seit Monaten und zum Teil Jahren sitzen Kinder und ihre Familien in Unterkünften in Deutschland inmitten von wildfremden Menschen aus aller Herren Länder. Viele Kinder haben wenig bis gar keine Rückzugsmöglichkeiten und sind nicht ausreichend vor Missbrauch und Gewalt geschützt. Sie sehen ihre Eltern zu verunsicherten, passiven Hilfsempfängern degradiert. Wer von uns möchte in so einer riskanten Situation auf engstem Raum zusammenleben – obwohl es nur eine kleine Minderheit gibt, von der Gefahr ausgeht? Anstelle dessen braucht es geschultes Personal, das sich ihnen widmet, mit ihnen spielt und ihnen qualifizierte psychologische Erstversorgung anbieten kann.

Schutz und Bildung sind der Schlüssel

Wer wie wir erlebt hat, wie sich Kinder nach nur einigen Monaten geregeltem Tagesablauf und pädagogischer Betreuung in unserem Schutz- und Spielraum in der Notunterkunft Berlin-Tempelhof entwickelt haben, wie brennend sie sich auf die Schule freuen und wie schnell sie Deutsch gelernt haben, der weiß, dass zuallererst Schutz und dann Bildungschancen der Schlüssel für eine gute Entwicklung sind. Wir dürfen die Fähigkeiten dieser Kinder nicht einer Mischung aus Langeweile und dann irgendwann vielleicht auch Verzweiflung zum Opfer fallen lassen. Eglantyne Jebb, die Gründerin unserer Organisation sagte: „Jede Generation von Kindern bietet der Menschheit die Möglichkeit an, die Ruinen ihrer Welt wieder aufzubauen.“ Schutz und Bildungsmöglichkeiten sind auch das einzige Mittel, um ideologischen Verführungen von vornherein zu begegnen.

Jetzt erst recht!

Save the Children leistet weltweit humanitäre Hilfe und kämpft für die Rechte von Kindern und deren Familien. In Deutschland und in 120 Ländern auf der ganzen Welt, seit fast 100 Jahren. Wir werden uns auch in einem schärferen politischen Klima in Deutschland kompromisslos für ihren legalen und sicheren Zugang zu humanitärem Asyl in Europa, ihrem Schutz vor Gewalt und für ihre Bildungschancen einsetzen. Jetzt erst recht.

Dieser Gastbeitrag von Susanna Krüger (Geschäftsführung & Vorstandsvorsitz) und Bidjan Nashat (Leiter Programme & Vorstandsmitglied) erschien unter dem Titel “Das Schicksal der Kinder darf uns nicht kalt lassen!auch im Tagesspiegel.

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Ein Kommentar zu “Jetzt erst Recht! Geflüchtete Kinder brauchen unsere volle Unterstützung!”

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  1. Kala  am Mittwoch, 8. Februar 2017

    Vielen Dank für ihren Artikel, er hat mich erneut ermutigt mich mehr für Flüchtlinge zu angagieren und mein Denken und Fühlen wenn ich Menschen mit arabischen Aussehen begegne zu ändern. Ich weiß selbst nicht was mit mir geschieht, es ist fast als würde es in der Luft liegen und mit jedem Atemzug nehmen wir die Angst, die zum einen Flüchlinge mitbringen und zum anderen wir neu säen, in uns auf und man wendet sie gegen Opfer, weil man selbst Angst davor hat Opfer zu werden, eher, man hat Angst davor dass die eigenen Kinder in Gefahr geraten könnten.Wer ist dieser “man”, das bin ich , vielleicht auch du, ich hatte nie etwas gegen andere Nationalitäten, ganz im Gegenteil, ich Reise für mein Leben gern, lerne andere Kulturen schätzen und sehe eigentlich in uns allen den gleichen Lichtfunken (bei manchen muss man vielleicht zweimal hinschaun) doch sie ist da die Verbindung zwischen uns allen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Angst unsere Herzen verschließt und vor allem auch nicht Neid.Na und, dann hat eine Geflüchtete Familie eben einen neueren und schöneren Babysave, Kinderwagen etc., dann fahren ihre Kinder eben auf Roller und deine müssen bis zum nächsten Geburtstag warten. Glaube ich wirklich dass diese materielen Dinge das wieder gut machen kann was diesen Kinder und auch Erwachsenen wiederfahren ist?Vor was habe ich mehr Angst?Vor meinem eigenen Hass oder vor Gewalt die womöglich von vereinzelten überall hier auf Erden leider ausgeht.Mit womöglich meine ich, dass Gewalt vorallem dort wo der Nährboden(Angst) vorhanden ist oftmals ihre Opfer findet. So appelliere ich an jeden einzelnen deutschen, und noch viel mehr europäischen Bürger,und vorallem an mich selbst, lasst nicht zu, dass Angst und Neid euch zu herzlosen Menschen macht.Das ist sicher nicht der Weg um Terror zu besiegen.

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