Ein Brief direkt von der Fluchtroute

Ein Mitarbeiter auf unserem Rettungsschiff Vos Hestia sucht den Horizont ab

Was es bedeutet, Menschenleben auf dem Meer zu retten
Ein Blogbeitrag von Gillian Moyes, Search & Rescue Teamleiterin an Bord der Vos Hestia, des Rettungsschiffs von Save the Children (übersetzt ins Deutsche)

Wie sind sie nur hier gelandet? Das ist eine Frage, die ich mir jedes Mal stelle, wenn ich ein Kind sehe, das aus dem Meer gerettet wurde. Dieses Mal handelt es sich um einen Jungen mit Namen Ali*, vielleicht 17 Jahre alt, der sich gerade in unserer Krankenstation an Bord befindet. Nur wenige Stunden vorher haben wir ihn von seiner lebensgefährlichen Tortur aus dem Meer befreit. Sein ganzer Körper ist aufgrund der akuten Unternährung verkrampft. Er kann kaum sprechen. Als ich ihm helfe, etwas zu essen, kommt er langsam wieder zu Kräften und schafft es, mir ein paar Worte zuzuflüstern. Er zeigt auf seinen verletzten Fuß. Ich verstehe, dass er mir etwas sagen will: Seine Wunden sind das Ergebnis von Folter in Libyen. Mir wird dadurch etwas klarer, warum er hier ist. Ein kleiner Teil des Puzzles ist gelöst.

„Ich glaube, ich kann da etwas sehen“, sagt am Morgen ein Teamkollege mit Fernglas in der Hand. Am Horizont ist ein mikroskopisch kleiner, schwarzer Punkt sichtbar – nur ganz kurz, dann ist er wieder verschwunden. Seit der Morgendämmerung haben wir den Horizont abgesucht. Jetzt ist es 7:15 Uhr. Auch die zweite Meinung vom Kapitän ist nicht klarer. Erst als wir näher an den Punkt heranfahren, zeigt sich der Umriss eines voll beladenen Schlauchboots. Es wird sich nicht mehr lange über Wasser halten, denn es verliert bereits Luft. Keiner der Insassen trägt eine Schwimmweste.

Ein Viertel der Geretteten sind Kinder

Nachdem wir die italienische Küstenwache informiert und ihre Erlaubnis bekommen haben, uns dem Boot zu nähern, finden wir mehr als 100 Menschen eingequetscht auf dem kleinen Boot. Mit unseren kleineren Rettungsbooten holen wir die Menschen schnell an Bord unseres Rettungsschiffes, der „Vos Hestia“. Ein Viertel der Geretteten sind Kinder. Später am Tag nehmen wir noch einmal 100 Menschen von einem anderen in Seenot geratenen Schiff auf. Unter ihnen war Ali*.

Es macht mich traurig, dass einem diese Geschichte so bekannt vorkommt. Aber es ist wichtig, immer wieder von der Flucht und auch der Seenotrettung zu berichten. In den letzten Tagen gab es sogar Zweifel an der Redlichkeit von NGOs, die im Mittelmeer Leben retten. Besonders wenn Menschen sich beim Anblick der Bilder von Geflüchteten auf Rettungsschiffen fragen, „Wie sind sie bloß dort hingekommen?“

Es wird behauptet, wir, die Hilfsorganisationen, seien Teil des Problems, würden sogar gemeinsame Sache machen mit den Schleppern, die in Nordafrika die Menschen in dunklen Morgenstunden einfach aufs Meer schicken, wohlwissend, dass der nächste Sonnenaufgang wahrscheinlich der letzte ist, den ihre „Kunden“ jemals erleben werden.

Diese Behauptung ist einfach falsch. Diejenigen, die solche Anschuldigungen aussprechen, zählen 2 und 2 zusammen und erhalten 5. Sie verdrehen Zusammenhänge, so dass ein falsches Bild entsteht.

2016 war das bisher tödlichste Jahr für Menschen, die über das Mittelmeer flüchten

Wir kommunizieren nie mit Schleppern oder Menschenhändlern und operieren nur in internationalen Gewässern. Wir finden geflüchtete Menschen in Not in Zusammenarbeit mit anderen NGO-Schiffen und der italienischen Küstenwache oder – offen gesagt – tatsächlich auch durch ganz viel Glück. Denn die traurige Wahrheit ist, dass viel zu viele nicht das Glück haben, rechtzeitig gerettet zu werden.

Letztes Jahr war das bisher tödlichste Jahr für die Menschen, die über das Mittelmeer geflohen sind. Und auch 2017 sind schon fast 1.000 Menschen auf dieser Route gestorben.

Die Crew an Board des Rettungsschiffs „Vos Hestia“ kämpft jeden Tag dafür, dass dieses Jahr weniger Menschen sterben, denn ihr Tod ist vermeidbar. Mein Team ist ständig in Alarmbereitschaft, jeden Abend gehen sie schlafen und wissen, dass sie jederzeit für eine Rettungsaktion geweckt werden können. Denn wir können nicht voraussagen, wann wir einen Anruf an Bord bekommen. Letztes Wochenende kamen wir mit unseren Kapazitäten für die Such- und Rettungsaktionen an unsere Grenzen.

Unsere einzige Mission ist, Menschenleben zu retten, insbesondere Kinder, die vor Gewalt, Verfolgung und extremer Armut geflüchtet sind. Wir retten Menschen vor der sehr realen Gefahr zu ertrinken und schützen die Kinder, die wir an Bord in Sicherheit bringen. Wenn die Such- und Rettungsaktivitäten von NGOs wie Save the Children aufhören, würde die Zahl der Toten weiter ansteigen.

Fälschlicherweise wird auch behauptet, dass nur deshalb so viele Menschen die Überfahrt überhaupt wagen, weil es diese Rettungsaktionen gibt. Es konnte bisher nicht festgestellt werden, dass die Zahl der Flüchtenden auf dem Mittelmeer mit der Zahl der Rettungseinsätze von NGOs steigt. Die bloße Anwesenheit von Such- und Rettungsschiffen bedeutet nicht, dass automatisch mehr Menschen das Meer überqueren , es bedeutet nur, dass diejenigen, die es tun, eine höhere Wahrscheinlichkeit haben zu überleben.

Die Seenotrettung sollte nicht die einzige Maßnahme sein, die verhindert, dass die verzweifelte Suche nach Sicherheit zum Todesurteil für so viele Menschen wird. Aber das ist leider die aktuelle Situation. Schlepper gefährden ganz bewusst das Leben von Menschen, die auf der Suche nach einer besseren Zukunft sind und dafür astronomische Summen zahlen und unmenschliche Bedingungen in Kauf nehmen.

Tausende Kinder sind gefährdet

Kein Kind darf ertrinken, weil es eine bessere Zukunft sucht, jedoch gibt es Tausende, die den Versuch wagen, das Mittelmeer zu überqueren. Bis die EU sichere und legale Wege nach Europa schafft, werden die Menschen, die internationalen Schutz brauchen und diejenigen, die flüchten, weiterhin ihr Leben riskieren, um nach Europa zu kommen. Zu hinterfragen, welche Wirkung unsere humanitäre Hilfe hat, ist für uns essenziell. Niemals würden wir ein Schiff auf dem Meer nach Schiffbrüchigen suchen lassen, wenn wir glaubten, dass dies die Situation nur verschlimmert. Alles, was wir tun, beruht auf dem Grundprinzip, niemandem zu schaden.

„Wie sind sie nur hier gelandet?“ Wir fragen uns das jeden Tag. Die Antwort liegt in Gewalt, Armut und Ausbeutung. Die Fakten zeigen, dass wir es wahrscheinlicher machen, dass Ali und andere Kinder überleben.

Hier erfahren Sie mehr über unseren Einsatz auf dem Mittelmeer

*Name aus Sicherheitsgründen geändert

Trackback

Verlinken Sie diesen Artikel:

http://www.savethechildren-blog.de/2017/05/ein-brief-direkt-von-der-fluchtroute/trackback/

Kommentar schreiben