Eine Welt ohne Hunger – utopisch oder machbar?

Abdikadir Apris Adam, 14 months.

3,1 Millionen Kinder sterben pro Jahr an den Folgen von Unterernährung weltweit und rund 159 Millionen Kinder leiden an Wachstumsverzögerung (Stunting). Ganz akut sind davon derzeit Kinder in Somalia, Jemen, Nigeria und im Südsudan betroffen, wo sich derzeit vier parallele Hungerkrisen abspielen. Dort könnten deshalb 1,4 Millionen Kinder aufgrund schwerer, akuter Mangelernährung sterben. Nicht nur das humanitäre System muss daher verbessert werden um die Gefahr von Hungersnot und Hungertod einzudämmen. Bereits vergangene Hungersnöte am Horn von Afrika in den Jahren 2011 und 2003/2004 haben gezeigt, dass die Menschen vor Ort in ihrer Widerstandsfähigkeit gestärkt und lokale Strukturen aufgebaut werden müssen. Gesundheitsversorgung, Bildung und soziale Sicherung sind nur ein paar Beispiele, wie das erreicht werden kann.  Diesen Aufgaben muss sich die deutsche Entwicklungszusammenarbeit- im Rahmen ihrer Bemühungen bis zum Jahr 2030 Hunger zu beenden- annehmen.

Eine Welt ohne Hunger ist möglich, behauptete der Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller, auf der zweitägigen Konferenz „The Future of the Rural World“, die vom 27.-28. April in Berlin stattfand. Wir von Save the Children waren mit weiteren Vertretern der deutschen Zivilgesellschaft mit dabei. Bundesminister Müller lud im Rahmen der deutschen G20-Präsidentschaft nationale und internationale Vertreter von Regierungen, Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft, sowie Jugendliche ein, um zu diskutieren, wie eine wettbewerbsfähige, nachhaltige und gerechte ländliche Entwicklung zur Beendigung von Hunger und Mangelernährung beitragen kann. Während der insgesamt drei Panel Diskussionen und weiteren parallelen Expertenforen, wurden Möglichkeiten diskutiert, den ländlichen Raum Afrikas zu stärken und die Beschäftigung im Agrarbereich, insbesondere für Jugendliche, attraktiv zu gestalten. Im Kontext der aktuellen Hungerkrisen am Horn von Afrika wurde darüber hinaus das Buch „Voices Against Hunger“ präsentiert, in dem entscheidende Faktoren benannt werden, um Hunger und Mangelernährung zu besiegen.

Future-of-the-Rural-World

Das zentrale Element der Konferenz, die „Charta von Berlin“, die ein Expertengremium erarbeitete, wurde am Abend des ersten Konferenztages an Bundesminister Müller übergeben. Die Charta wurde vorab einem Kommentierungsprozess unterzogen, einschließlich durch einen Jugenddialog. Teilnehmer der Konferenz konnten außerdem während der Expertenforen Änderungswünsche äußern.  Das Endprodukt soll von BM Müller in den G20 Verhandlungsprozess eingebunden werden und sie spiegelt die Lösungsansätze der Konferenz wieder: Jugendliche müssen arbeiten können und Potenzial dafür ist besonders insbesondere im Agrarsektor.

Soweit so gut. Was fehlt?
Konferenz und Charta gliedern sich nahtlos in die bisherigen Bemühungen der deutschen Entwicklungspolitik ein und sind auch mit Blick auf den Afrika-Fokus der deutschen G20-Präsidentschaft sinnvolle Initiativen, um Hunger und Armut in Afrika langfristig zu bewältigen. Allerdings finden sich die aktuellen Krisen nur am Rande der Konferenz wieder. So auch die Ernährung von Müttern und Kindern. Gute Ernährung in den ersten 1.000 Tagen im Leben eines Kindes- beginnend mit der Schwangerschaft- ist die Grundlage für die Entwicklung eines Kindes. Wird es hier nur unzureichend mit Nährstoffen versorgt, wird seine körperliche sowie geistige Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt und es kann zu lebenslangen Defiziten kommen.
Aus unserer Sicht kamen daher drei zentrale Aspekte zu kurz, um sowohl auf die Bedrohung von Mangelernährung in Krisensituationen, als auch längerfristig zu reagieren:

  1. 1.000 Tage Fenster: Von Hunger und Mangelernährung sind insbesondere Kinder und Mütter betroffen.  Das sollte die deutsche Entwicklungszusammenarbeit anerkennen und stärker fördern.
  2. Leave-No One Behind Prinzip: Die Verringerung von Ungleichheit bleibt weiterhin DIE zentrale Herausforderung des Kontinents. Millionen von Kindern haben allein aufgrund der Tatsache, wer sie sind und wo sie leben, keinen Zugang zu adäquater Ernährung. Insbesondere in den aktuellen Hungerkrisen muss das berücksichtigt werden.
  3. Verbindliche Handlung:  Bisher fehlen von deutscher Seite verbindliche Zusagen und konkrete Pläne, um Ambitionen in Aktionen umzusetzen. Auch im Rahmen der G20 ist ein Paragraph in einem Communiqué nur wertvoll, wenn verbindliche Initiativen folgen. Ob dem Aufruf der Berlin Charta Taten folgen, bleibt abzuwarten.

EINEWELT ohne Hunger ermöglichen – auch im Kontext der aktuellen Krisen am Horn von Afrika –  ist nur unter Einbezug dieser Aspekte zu realisieren. Der Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank, Dr. Akinwumi Adesina, beschreibt dazu treffend: “Stunted children today mean stunted economies tomorrow”.

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