Globalisierung auf Augenhöhe – was Wirtschaftsunternehmen von NGOs lernen können

Kathrin Wieland ist die Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland. Auf diesem Blog erzählt sie regelmäßig von ihrer Arbeit und der Arbeit ihrer Kollegen in Krisenregionen weltweit.

Was musste ich mir nicht alles anhören, als ich aus der Wirtschaft in den Sektor der Nichtregierungsorganisationen wechselte. Von „Das ist doch ein „Mütterjob!“ bis hin zu „Willst Du wirklich zu den chaotischen Weltverbesserern?“ Dass ich hier in einem hoch professionellen und sehr motivierten Umfeld arbeite, können sich ehemalige Kollegen aus der Wirtschaft manchmal kaum vorstellen.

Noch heute begegne ich oft dem Vorurteil, dass zivilgesellschaftliche Organisationen im Vergleich zu Wirtschaftsunternehmen unprofessionell und ineffizient arbeiten würden. Ich frage dann immer, woher diejenigen, die so etwas sagen, das denn wissen? „Das weiß man doch!“, höre ich dann. Aha. Nun – ich weiß tatsächlich etwas darüber, denn ich habe in beiden Sektoren gearbeitet und kann ziemlich genau vergleichen, was wo besser läuft.

Branchenwechsel wirken sich in der Regel für beide Seiten gewinnbringend ausHilfsmittelverteilung im Irak

Da sind wir schon beim ersten Problem: Ich bin eine Exotin. Wer in Deutschland beispielsweise Literatur studiert hat, wird kaum Chef eines Automobilherstellers. Genauso wenig wechselt einer aus der Wirtschaft in den zivilgesellschaftlichen Sektor oder umgekehrt. In Ländern wie England oder den USA wird dagegen rege hin- und hergewechselt. Ich nehme gleich vorweg: Die NGOs profitieren durchaus davon, zum Beispiel im Hinblick auf Zielorientierung oder Prozessoptimierung.

Motivierte Mitarbeiter sind die wichtigste Ressource

Trotzdem wage ich hier mal die unverblümte These, dass NGOs wie Save the Children in vielerlei Hinsicht sowohl fortschrittlicher als auch professioneller arbeiten, als viele Wirtschaftsunternehmen in Deutschland. Warum? Weil wir wirklich gut darin sind, Strategien zu entwerfen und zu verfolgen, weil wir außerdem sehr gut darin sind, konkrete Visionen zu formulieren, sie auf Ziele herunter zu brechen und sie dann Stück für Stück zu erarbeiten. Und weil das Primat der good governance schon seit langem unsere gesamte Organisation durchdringt.

Fortschrittlicher sind wir vor allem deshalb, weil wir der Wirtschaft schon lange vormachen, was sinnvolle Mitarbeiterführung heißt: Motivation funktioniert längst nicht mehr alleine über Geld (und hat es wahrscheinlich nie). Menschen, die für zivilgesellschaftliche Organisationen arbeiten, müssen natürlich ihren Lebensunterhalt genauso verdienen wie andere. Darüber hinaus aber eint sie ein Ziel, das weit darüber hinaus geht. Unsere Mitarbeiter sind zum Beispiel in höchstem Maße motiviert, alles dafür zu geben, die Lebenswirklichkeit für Kinder weltweit zu verbessern. Auch Wirtschaftsunternehmen lernen allmählich, Missionen zu entwerfen, mit denen sich Mitarbeiter identifizieren können. Und siehe da: Die Motivation steigt.

Abgesehen davon haben Nichtregierungsorganisationen starke Unternehmenskulturen entwickelt. Interne Machtkämpfe, das Einsetzen von Herrschaftswissen, Vertrauensmissbrauch, wie ich das in der Wirtschaft erlebt habe, sind in unserem Sektor viel weniger verbreitet.  Dafür stehen bei uns Familienfreundlichkeit, Flexibilität und gemeinsame Werte im Vordergrund.

Wir arbeiten seit jeher in globalen Zusammenhängen

Ein letzter wichtiger Punkt ist das veränderte Arbeiten in der Globalisierung. NGO-Vertreter sitzen seit jeher in Telefonkonferenzen mit zehn oder zwölf Nationen gleichzeitig, Menschen mit den unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen ringen darum, optimale Problemlösungen im globalen Zusammenhang zu finden, egal, ob es um Flüchtlingspolitik, Kinderhandel und -arbeit oder die Überfischung der Weltmeere geht. Das Projektmanagement von Save the Children arbeitet zum Beispiel online-basiert, alle Mitarbeiter eines Projekts sind zeitgleich überall auf der Welt in dieselben Arbeitsschritte involviert. Das funktioniert!

Interkulturelle Teams stellen ohne Frage eine Herausforderung dar – wir NGOs aber haben hier bereits sehr viel Erfahrung gesammelt, denn unser Arbeitsfeld war schon immer global. Hiervon könnten Wirtschaftsunternehmen profitieren. Vielleicht auch deswegen, weil sie im Gegensatz zu uns humanitären Arbeitern noch nicht wissen, dass ganz viel Expertise und Know-How in den Ländern selbst vorhanden ist. Nutzen wir es, finden wir Lösungen, die vor Ort tatsächlich funktionieren. So sieht Globalisierung auf Augenhöhe aus – auch das eine intrinsische Motivation unserer Mitarbeiter. Wenn Sie als Firmenchef sich also demnächst einen Markt in Asien erobern wollen, suchen Sie unter den Bewerbern die heraus, die vielleicht schon mal in einer NGO gearbeitet haben. Und dann berichten Sie mir, wenn Sie mögen, von Ihren Erfahrungen.

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