Diese Kinder haben alles verloren – und trotzdem glauben Sie immer noch an die Zukunft und an Menschlichkeit

Die Brüder Achmed* (12) und Omar* (11) sind mit ihrer Familie aus Homs, Syrien, nach Deutschland geflohen. © Chris de Bode/ Save the ChildrenÜber die Autorin: Sabine Copinga arbeitet als Kommunikationsberaterin in den Niederlanden. Ende September besuchte sie Flüchtlingsunterkünfte in Berlin.

In den letzten Wochen habe ich die Berichterstattung mit purem Entsetzen verfolgt: Bilder von verzweifelten Familien in überfüllten Booten, ein Exodus von Menschen, die versuchen, sich nach Europa zu retten, Kinderleichen, die an Strände gespült werden, an denen andere Kinder in diesem Sommer Sandburgen gebaut haben. Die Tragödie war überwältigend und die Zahlen überstiegen jede Vorstellung.

Ich weiß nicht, was mich mehr schockierte: die Bilder der Verzweiflung oder die europäischen Entscheider, die jedwede internationale Konvention oder öffentliche Meinung vergessen zu haben schienen.


Widersprüchliche Botschaften aus Europa
Der offizielle syrische Familienpass weist die Identität der Familien nach. © Chris de Bode/ Save the Children Die widersprüchliche Botschaft, die Europa aussendete, war: „Klar habt Ihr ein Recht auf Sicherheit, aber bitte nicht in unserem Garten.“ Aber in dieser Sache gibt es nichts zu verhandeln, keinen Kompromiss zu schließen. Es ist unsere menschliche und rechtliche Pflicht, Menschen in Not zu helfen. Alle europäischen Staaten haben die Internationale Kinderrechtskonvention unterzeichnet. Dadurch haben wir uns selbst verpflichtet, Kinder unter allen Umständen zu helfen.

Ich war für Save the Children in Berlin. Vor meiner Abreise sprach ich mit meiner 9-jährigen Tochter. Ich erklärte ihr, warum ich sie für ein paar Tage verlassen musste, erzählte ihr vom Krieg in Syrien, und von der Reise, zu der so viele Kinder gezwungen waren, um sich in Sicherheit zu bringen. Sie riss ihre Augen auf: „Aber dann müssen sie ja alle ihre Freunde zurücklassen und in ein fremdes Land gehen, das sie noch nie vorher gesehen haben!“ Ihre Reaktion war so pur und traf den Punkt. Genau das ist die Realität für Tausende von Kindern.

Kein Luxus – nur Sicherheit, Schutz und Frieden
Fünf Kinder warten vor dem LaGeSo auf ihre offizielle Registrierung – oft dauert es Tage oder sogar Wochen bis die Registrierung erfolgt. © Chris de Bode/ Save the Children In Berlin traf ich viele syrische Kinder. Für uns erscheint es als das Ende ihrer Reise. Tatsächlich aber ist es nur der Anfang. Für sie ist die Reise nach und durch Europa nur ein kleines Kapitel ihrer Geschichte. Die meisten möchten nicht einmal darüber sprechen. Es ist eine Episode, die sie einfach nur vergessen möchten.

Kinder, die in Deutschland in einer Notunterkunft Zuflucht gefunden haben, versuchen, nach vorne zu schauen. An ihre Vergangenheit denken sie mit schwerem Herzen. Zunächst einmal empfinden sie ein Gefühl von Frieden, den sie so lange vermisst haben. Keines der Kinder strebt nach Luxus, z.B. einem Fernseher. Sicherheit, Schutz, Frieden und eine Chance auf eine Zukunft ist alles, was sie wollen und brauchen.

Der größte Wunsch: Eine neue Brille
Ein Beispiel spricht für sich: Ich traf einen syrischen Jungen, der alles verloren hatte, auch seine Brille. Er kann kaum einen Meter weit sehen. Sein größter Wunsch ist eine neue Brille, weil er ohne sie Angst hat.

Ich traf auch ein 8-jähriges Mädchen, dessen Schule attackiert worden war. Sie ist eine der wenigen Überlebenden. Ihre Eltern fanden sie versteckt hinter einem Tisch. Sie war über und über mit Blut und menschlichen Überresten bespritzt. Sie hat sich entschieden, dass dieses Erlebnis nicht ihr Leben definiert. Sie möchte unbedingt zur Schule gehen und ihre Zukunft selbst in die HanDer 17-jährige Azan* ist Hals über Kopf in ein Mädchen namens Fatima verliebt. © Chris de Bode/ Save the Children  d nehmen.

Der 17-jährige Azan* ist Hals über Kopf verliebt in ein Mädchen namens Fatima und errötet darüber genau so wie jeder andere seines Alters das täte. Er hat sich selbst ein falsche Tattoo auf den Arm gemalt: „A liebt F“. Ich frage mich, ob er sie wohl jemals wiedersehen wird

Naram* könnte auch meine Tochter sein
Naram*, ein 8-jähriges Mädchen, gab mir einen ihrer Ringe. Sie wollte mir ein Geschenk machen und da es ihr einziger Besitz war, wollte sie ihn mir großzügigerweise überlassen. Ich versuchte, höflich abzulehnen, aber sie bestand darauf.

Naram Leben war das eines ganz normalen Kindes – dann kam der Syrien-Konflikt. © Chris de Bode/ Save the ChildrenIch sah in ihre Augen und sah meine eigene Tochter. Narams Leben unterschied sich kaum von dem meiner Tochter: Ihre Eltern hatten gute Arbeitsplätze, sie hatte Freunde, ihr eigenes Zimmer und die Familie fuhr zwei Mal im Jahr in den Urlaub. Sie träumte von ihrer Zukunft und hatte gute Chancen, diese wahr werden zu lassen. Sie fragte mich, ob Deutsch eine schwere Sprache sei. Ich möchte sie in den Arm nehmen und sie beschützen. Ihr sagen, dass alles gut wird.

Wir dürfen unsere Menschlichkeit nicht verlieren
Das ist genau das, was wir jetzt tun müssen – wir Europäer alle gemeinsam. Wir verlieren unsere Menschlichkeit, wenn es akzeptabel wird, Kinder im Fernsehen sterben zu sehen, während wir gemeinsam zu Abend essen. Wir setzen unsere menschliche, ethische Evolution aufs Spiel.

Ein altes Bürogebäude wird nun als Flüchtlingsunterkunft genutzt. © Chris de Bode/ Save the ChildrenEs geht nicht um Konventionen oder Politik; es geht um Gerechtigkeit. Was Naram*, Azan* und all den anderen Kindern passiert ist, schreit zum Himmel. Wir können ihre Vergangenheit nicht ändern, aber wir können ihre Zukunft mit definieren. Wenn wir sie lediglich als „Flüchtlinge“ oder „Opfer“ betrachten, berauben wir sie ihrer Identität und ihrem Potenzial.

Was mich in Berlin am stärksten berührt hat, ist der starke Wille der Kinder. Sie haben alles verloren, alles gesehen, trotzdem glauben sie immer noch an die Zukunft und an die Menschlichkeit. Die Kinder wollten ausnahmslos nach Syrien zurückkehren, sobald der Krieg zu Ende ist, um ihr Land wieder aufzubauen. Bis diese Zeit gekommen ist, sind wir moralisch verpflichtet, alle Kinder, die sich auf der verzweifelten Suche nach einem sicheren Hafen an uns wenden, willkommen zu heißen und zu schützen.

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