Ungleiche Portionen

Wir kennen richtigen Hunger nicht

Ich kann mich kaum erinnern jemals richtig Hunger gehabt zu haben: Als Kind hatte ich den Luxus jeden Morgen zu einem Frühstück aufzuwachen und zu einem warmen Mittagessen nach Hause zu kommen. Essen war nie etwas über das ich viel nachdenken und mich sorgen musste. Mir fehlte es an nichts. Klar hatte ich auch mal einen knurrenden Magen, jedoch hielt das nie lange an, denn mit ein paar Schritten in die Küche konnte ich ihn beruhigen. Das Gefühl des Hungers als Normalzustand, und die Folgen einer chronischen Mangelernährung am eigenen Leib kenne ich bis heute nicht. Desto unvorstellbarer ist es für mich, dass es noch so viele Kinder in der Welt gibt, die unter Hunger und Mangelernährung leiden und viele davon täglich um ihr Leben kämpfen müssen.

Während meiner Zeit hier bei Save the Children habe ich mich zum ersten Mal richtig mit diesem Thema auseinandergesetzt und von Puritas* bewegender Geschichte gehört[1]:

Puritas Geschichte

Purita ist noch ein Kleinkind und kommt aus Bolivien, einem der ärmsten Länder Lateinamerikas. Sie verlor Ihre Mutter als sie noch ein Baby war und ihr Vater verließ sie kurz darauf auch. So wurde sie schon ganz früh in ihrem Leben zu einem Waisenkind, und ist auf die Mitbewohner ihres Dorfes angewiesen. Jedes zweite Kind in Bolivien leidet an Mangelernährung – eines davon ist Purita. Man sieht es ihr an: sie hat einen aufgeblähten Bauch, dunkle Augenringe und unheimlich dünne Beine. Durch den tragischen Verlust ihrer Mutter hat sie keinen direkten Verwandten, der sich rund um die Uhr um sie kümmert, ihr Essen zubereitet und darauf achtet, dass sie das hat, was sie braucht um stark in ihr Leben starten zu können. Die Dorfbewohner versuchen ihr Bestes, aber auch ihnen fehlt es an Grundlegendem. Die Folgen der Mangelernährung werden sich auf Puritas ganzes Leben auswirken. Denn ist ein Kind mangelernährt – das heißt es wird unzureichend mit Nährstoffen versorgt – wird seine körperliche sowie geistige Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt und es kann zu lebenslangen Defiziten kommen.

Weltweit ist jedes vierte Kind chronisch mangelernährt

Welthungerkarte. Quelle: World Food ProgrammeHeute am Welternährungstag möchte ich das Thema Hunger und Mangelernährung bei Kindern in den Fokus rücken. Denn Purita ist kein Einzelfall. Weltweit leidet noch jedes viertes Kind an chronischer Mangelernährung, über 50 Millionen sind unterernährt und knapp 3,1 Millionen Kinder verlieren den tödlichen Kampf gegen diese Unterernährung[2]. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Oft, wie in Puritas Fall, liegt es an den armen Verhältnissen und den dazugehörigen Schicksalen, die dazu führen, dass vor allem die Kinder nicht genug versorgt werden können. So ist die Herkunft eines Kindes ausschlaggebend dafür, ob es an Hunger und Mangelernährung leiden wird. Denn die Herkunft bestimmt den Zugang zu Bildung und Nahrung, die Kultur, und das Einkommen der Eltern. Der Ursprung kann aber auch eine Naturkatastrophe, wie die Dürre am Horn von Afrika[3] (Somalia, Kenia und Äthiopien) sein, oder Krieg und Verfolgung, was dazu führt, dass Menschen ihr zu Hause verlassen müssen und es dann kaum schaffen ihre Grundbedürfnisse abzudecken[4].

Ziele der WHO-Staaten

Um Mangelernährung zu bekämpfen, haben sich die Mitgliedsstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) – darunter auch die deutsche Bundesregierung – im Jahr 2012 dazu verpflichtet die Anzahl der Kinder mit Wachstumsverzögerung bis 2025 um 40% zu senken[5]. Jedoch ist der jetzige Fortschritt nicht ausreichend, um dieses Ziel zu erreichen. Bleibt es bei den heutigen Trends, leidet 2030 immer noch jedes fünfte Kind an Wachstumsverzögerung als Folge von Mangelernährung.

Eine Mutter erhält Spezialnahrung (Erdnusspaste) für ihre Kinder.Was Save the Children tut, um den Hunger zu bekämpfen

Save the Children arbeitet in über 120 Ländern und setzt sich sowohl programmatisch als auch politisch dafür ein, dass alle Kinder Zugang zu Nahrung haben, um ihnen einen gesunden und fairen Start in ihr Leben zu ermöglichen. Purita hat Glück – sie ist eines der Kinder, die wir mit unserer Arbeit erreichen. Da sie nun Zugang zu Gesundheitsversorgung und ausreichend Nahrung hat ist sie auf dem Weg der Besserung. Das sollte keine Ausnahme sein, denn jedes Kind hat das Recht darauf und sollte ausreichend versorgt werden. Nur so kann man ihnen eine Chance auf einen guten Start in ihr Leben, so wie ich sie bekommen habe, geben. Aus diesem Grund fordern wir von der Bundesregierung, sich stärker für die Umsetzung aller globalen Ernährungsziele der der WHO einzusetzen, die eine Verbesserung der Ernährungssituation von Kindern und Müttern bis zum Jahr 2025 anstreben.

Über die Autorin:
Dorthe Manthey arbeitet im Policy und Advocacy Team von Save the Children Deutschland.

[1] http://www.savethechildren.org/site/c.8rKLIXMGIpI4E/b.8412961/k.A6D4/Puritas_Story.htm

[2] Save the Children (2016) Unequal Portions. Save the Children: London.

[3] Save the Children (2017) Purita’s Story. Verfügbar: http: //www.savethechildren.org/site/c.8rKLIXMGIpI4E/b.8412961/k.A6D4/Puritas_Story.htm

[4]Save the Children (2016) Unequal Portions. Save the Children: London.

[5] WHO (2017) Nutrition: Global Targets. Verfügbar: http://www.who.int/nutrition/global-target-2025/en/

* Name zum Schutz geändert

 

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